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Gönn Dir Lesezeit…

 

Erinnern wir uns: Wie wohltuend war es, sich mit einem neuen Buch in den Sessel zu verkriechen und in eine fremde Welt einzutauchen. Allein mit uns und der Geschichte vergaßen wir die Zeit. Und heute?

Untersuchungen zeigen, dass die Deutschen am Tag durchschnittlich eine Viertelstunde lesen, aber drei Stunden fernsehen. In kaum einem anderen europäischen Land halten so viele Erwachsene und Jugendliche das Lesen von Büchern für „reine Zeitverschwendung“.

Vor allem, wenn es um effektive Faktenvermittlung geht, sind die neuen Medien dem Buch inzwischen weit voraus. Gerade Kinder und Jugendliche greifen heute nicht mehr zum Fachbuch, wenn sie etwas nachschlagen wollen. Sie recherchieren im Internet, da dort die Texte oft kurz und knapp gehalten und die gesuchten Informationen dadurch leichter verfügbar sind. Lange Texte werden häufig nur überflogen, „quer gelesen“, um das Wesentliche zu erfassen. Diese Gewohnheit wirkt sich auch auf das sonstige Leseverhalten aus.

Kinder und vor allem die mehr und mehr bildschirmorientierten Jugendlichen werden gewissermaßen zu „Lese-Zappern“. Zu langen Romanen greifen sie immer seltener, selbst wenn nicht das Lernen, sondern um der Lesegenuss einer guten Geschichte im Vordergrund steht.

Dabei spiele auch die „Einsamkeit des Lesers“, wie sie Hendrik Markgraf, Chefredakteur des Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel, genannt hat, eine große Rolle. Wurde es früher als angenehm empfunden, sich mit einem Buch aus der Familie zurückzuziehen, ist das heute eher nachteilig. In vielen Familien mit zwei ganztags berufstätigen Elternteilen ist ein Rückzug kaum mehr nötig, dort wird eher die Gemeinsamkeit gesucht.

Oft fehlen auch die geeigneten Gesprächspartner, um sich über das Gelesene auszutauschen. In einer zunehmenden „Nicht-Lese-Umgebung“ haben es lesende Kinder und Jugendliche schwer. Das neue Gameboy-Spiel oder die Playstation: das sind die vorherrschenden Gesprächsthemen auf den Schulhöfen. Um Bücher geht es höchstens, wenn der neue Harry Potter Band erscheint. Wer mitreden will, der darf nicht lesen!

Auch unter Erwachsenen sind Bücher kaum noch Diskussionsthema. Liegt darin vielleicht ein Grund für die Popularität von Literatursendungen? Eine Elke Heidenreich bietet heute das, wofür früher die gute Freundin oder die „Buchhändlerin ihres Vertrauens“ zuständig war: Begeisterung für ein Buch wecken und passionierte Empfehlungen geben.

Ist Lesezeit heute keine Muße mehr, sondern Zeitverschwendung? Nein! Lesen ist mehr als das bloße Aneinanderreihen von Buchstaben und daraus resultierende Information. Lesen ist auch „Er-Leben“, Eintauchen in fremde Welten und in fremde Schicksale, so wie es Iwan Bunin in „Der unbekannte Freund“ beschreibt:

„Ich habe zufällig Ihr Buch gekauft und las ununterbrochen auf der Rückfahrt … und ich las, las und fühlte mich- fast qualvoll glücklich.“ Das sollte unsere Aufgabe als Buchhändler sein: Vermitteln können, dass  Lesen ein großes Glück ist, unverwechselbar und durch nichts zu ersetzen!